Aus der GAZ: LLG-Stück „Stolperstühle" gewinnt ersten Platz bei „andersartig gedenken"
Die Schülerinnen und Schüler bei der Probenarbeit zum LLG-Theaterstück Stolperstühle. © Oliver Schepp

Aus der GAZ: LLG-Stück „Stolperstühle" gewinnt ersten Platz bei „andersartig gedenken"

15 Schüler des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums werden am 23. Juni in Berlin ausgezeichnet. Ihre szenische Collage erinnert auch an 15.000 ermordete Menschen in der Landesheilanstalt Hadamar.

Gießen – Stuhl für Stuhl stapeln die Schülerinnen und Schüler des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums (LLG) zu einem zufälligen Berg. 15 Schüler – drei Jungs, zwölf Mädchen – sie alle besuchen die zehnte Klasse und sind Teil des Theaterstücks „Stolperstühle“. Die szenische Collage setzt sich mit den Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“ auseinander und verbindet das Erinnern mit gegenwärtigen Fragen.

Nach dem ersten Durchgang muss auch Lehrer Steven Schlömer durchatmen. „Das berührt mich“, sagt er mit Blick auf die jungen Leute, die er im Fach Darstellendes Spiel unterrichtet. Die Schüler finden immer wieder in kleinen Runden zusammen. Es ist nicht laut, aber auch nicht andächtig. „Ich bin stolz auf die Gruppe“, sagt Schlömer. „Mit welcher Präsenz die an den Stoff rangehen. Denen ist das wichtig.“ Dabei haben sie nur zwei Schulstunden in der Woche Zeit, um zu proben.

Sie alle tragen Schwarz, betreten die improvisierte Bühne, nehmen einen Stuhl nach dem anderen und formieren eine lange Reihe. Die Stühle sollen „symbolisch für die unzähligen Menschen stehen, deren Leben durch ein ideologisch begründetes System von Ausgrenzung, Entwertung und Gewalt ausgelöscht wurde“, hat Schlömer in der Bewerbung für den Theaterwettbewerb „andersartig gedenken“ geschrieben. Am 23. Juni wird die Gruppe tatsächlich in Berlin ausgezeichnet. In der Kategorie Schul- und Jugendtheater erhalten sie den ersten Preis. Und an diesem Probenvormittag hat der Lehrer für die Schülerinnen und Schüler noch eine weitere gute Nachricht: Sie vertreten das Bundesland Hessen im September beim Schultheatertreffen der Länder in Frankfurt.

 

Erinnerung an Lina Butterweck

In „Stolperstühle“ erzählen sie unter anderem die Lebens- und Leidensgeschichte von Lina Butterweck. Sie wurde am 30. November 1913 als uneheliches Kind geboren und arbeitete als Hausangestellte. Fleißig und still ist sie. 1935 wird sie eingewiesen. Der Vorwurf: Verfolgungswahn. Sterilisation empfohlen, geplant, vollzogen. Von Herborn wird sie nach Hadamar verlegt. Lina Butterweck stirbt am 12. Juni 1941. Vermerk: erledigt! Die Schüler stellen sich auf die Stühle und rufen: Sie war da!

Hadamar ist von Gießen nicht einmal 70 Kilometer entfernt. Dass in der ehemaligen Landesheilanstalt Hadamar zwischen 1941 und 1945 im Rahmen der nationalsozialistischen „Aktion T4“ und der anschließenden dezentralen „Euthanasie“ rund 15.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen ermordet wurden, fließt in die Geschichte ein. Sie erinnern auch an den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, der in einer berühmt gewordenen Predigt die „Euthanasie“ angeprangert hat. „Wehe uns allen, wenn wir alt und gebrechlich werden“, sagt er damals und sieht „einen Angriff gegen Gott selbst.“

Die meisten der Jugendlichen kennen blöde Sprüche, rechtsextremes Gedankengut. Einige aus ihrem Alltag, andere über das Social-Media-Format „TikTok“. „Manchmal erschrecke ich mich richtig, was mir da ausgespielt wird“, erzählt eine Schülerin. Sobald sie in die falsche „Bubble“ komme, prasselten diese Inhalte in Endlosschleife auf sie ein.

Und Emilia ist noch einmal ganz besonders betroffen, denn sie ist kleinwüchsig. Sie hat in dem Stück einen einminütigen Monolog, in dem sie über Probleme spricht, über Barrieren, darüber, was sie stark macht, und was sie über die NS-Zeit und über „Euthanasie“ denkt. Ihr ist wichtig: „Vielfalt ist Stärke und nicht Schwäche.“ Manchmal belaste es sie, immer wieder mit diesen „schweren“ Themen konfrontiert zu sein. Dann braucht sie eine Pause. Aber ebenso brennt sie dafür, „diese wichtige Botschaft auf die Bühne zu bringen, dass jeder willkommen ist“.

Neben choreografischen Elementen, bei denen sie von Lucy Hahn, einer ehemaligen Schülerin des LLG unterstützt wurden, spannen moderne musikalische Elemente den Bogen in die Gegenwart. Unter anderem stimmen zwei Schülerinnen einen Rap an. Sie beide sind nach einer Party auf dem Nachhausweg und gehen über „Stolpersteine“. Stellen sich vor, wie es damals gewesen ist, als alle alles gesehen haben, aber kein Licht angeht. Und heute? „Sonne geht auf. Messer werden wieder gewetzt.“

Das Stück wird am Donnerstag, 11. Juni, und am Freitag, 12. Juni, jeweils um 19 Uhr, im LLG aufgeführt. Für Freitag gibt es noch Restkarten. Wer Interesse hat, kann sich per E-Mail an das Schulsekretariat unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. wenden.

 

Quelle: Gießener Allgemeine Zeitung vom 07.06.2026